Gedanken in Worte fassen

An Tagen, an denen einfach alles schief läuft, ignorieren wir gerne jegliche positiven Aspekte – wir wollen den Tag einfach nur hinter uns lassen. Wer sich gerade in einer schwierigen Lebensphase befindet oder die Herausforderungen des täglichen Lebens besser verstehen möchte, könnte aber vielleicht im Schreiben eine Art Eigentherapie entdecken, die für manche zu einem der größten Geschenke des Lebens wird.

Die Gedankenflut, die uns täglich durch den Kopf schwirrt, ist endlos. Doch indem wir unserer Familie und uns nahestehenden Menschen unsere persönlichen Erfahrungen und Geschichten anvertrauen, lernen wir manche Dinge im Leben besser zu verstehen.

So war es zumindest einmal. Denn der heutige Alltag hält die meisten von uns unentwegt auf Trab. Menschen konzentrieren sich daher in erster Linie auf ihr eigenes Leben, so dass persönliche Gespräche zu kurz kommen und Kommunikation oft missverstanden wird – oder gar nicht erst stattfindet. Manchmal wäre da ein ruhiger Ort, an dem wir unseren Gedanken freien Lauf lassen können, Gold wert.

Expressives Schreiben als Therapie hat sich als Methode bewährt, um mit persönlichen Krisen, Ängsten und Belastungen leichter umzugehen und sie besser verstehen zu lernen. Sie kann Menschen nachweislich zu einer Verbesserung Ihres Gemütszustandes verhelfen.

Expressives Schreiben als Therapie hat sich als Methode bewährt, um mit persönlichen Krisen, Ängsten und Belastungen leichter umzugehen und sie besser verstehen zu lernen.

Kurz umschrieben handelt es sich bei expressivem Schreiben um das Notieren persönlicher, tiefgreifender Gedanken, bei dem Konventionen wie zum Beispiel grammatikalische Regeln, Rechtschreibung und Schreibstil gänzlich an Bedeutung verlieren. Es geht einfach nur darum, all das aufzuschreiben, was uns gerade durch den Kopf geht, und unsere Gedanken und Gefühle auf diese Weise etwas zu ordnen. Dabei treten Fakten und Geschehnisse in den Hintergrund – der Fokus liegt vielmehr auf den Empfindungen, die wir erleben oder erlebt haben.

Wie kann expressives Schreiben helfen?

Das Aufschreiben unserer Gedanken kann uns dabei unterstützen, Stress abzubauen, besser zu schlafen, Beziehungen zu fördern und die Konzentration und Leistung am Arbeitsplatz zu erhöhen. Studien zufolge kann sich expressives Schreiben auch positiv auf unser Bewusstsein und Befinden auswirken, da Angstzustände, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen möglicherweise gelindert werden.

Diese Art der Therapie wird sogar in scheinbar ausweglosen Situationen angewandt. Eine Studie hat kürzlich gezeigt, dass expressives Schreiben für Menschen, die eine in vielen Fällen unheilbare Krankheit überwunden hatten, eine sehr positive Erfahrung darstellte. Wer während der Diagnose und Behandlung seine Gedanken und Gefühle notierte, wurde mit einer langfristigen Verbesserung seines körperlichen und geistigen Wohlbefindens belohnt. In diesen extrem schwierigen Situationen bot das Schreiben eine gewisse Orientierung und Sicherheit an.

Natürlich geht es nicht nur darum, schwere Lebenssituationen hinter uns zu lassen. Jeder von uns kann von expressivem Schreiben profitieren, denn es ist eine sehr persönliche und intime Art, sich mit kleinen oder großen Herausforderungen des Lebens auseinanderzusetzen und sie in Relation zu sehen.

Wie fange ich an?

Denken Sie zu Beginn daran, beim Schreiben Ihr ganz eigenes Tempo zu wählen. Das einzige, was Sie benötigen, ist ein Bedürfnis, sich auszudrücken – sei es mit Stift und Notizblock, oder indem Sie Ihre Gedanken in einen Laptop oder Tablet tippen. Wer möchte, kann dabei die folgenden Tipps mit auf den Weg nehmen:

  • Suchen Sie sich ein ruhiges Plätzchen, wo Sie für eine Weile ganz ungestört sind – Schlafzimmer, Küchentisch oder eine Ecke im Garten, der Ort spielt keine Rolle.
  • Schreiben Sie über etwas, das Ihnen persönlich am Herzen liegt, zum Beispiel über ein vergangenes oder zukünftiges Ereignis, das Sie vielleicht beunruhigt. Versuchen Sie, sich auf Ihre Gefühle zu konzentrieren.
  • Denken Sie über Ihre Worte nach und überlegen Sie, ob darin etwas Überraschendes oder Unerwartetes zum Vorschein gekommen ist. Vielleicht sind Sie zu der einen oder anderen neuen Erkenntnis gekommen?
  • Was Sie nun mit Ihren Aufzeichnungen machen, liegt ganz bei Ihnen. Vielleicht möchten Sie sie aufbewahren und in den kommenden Wochen oder Monaten noch einmal lesen. Oder aber Sie haben Ihre Gedanken und Gefühle durch das Schreiben bereits verarbeitet und möchten Ihre Worte lieber gleich verschwinden lassen. Das klingt vielleicht seltsam, doch für manche Menschen ist das eine Erleichterung, sozusagen ein Symbol dafür, dass das Aufgeschriebene nun keinen Einfluss mehr auf Sie hat.
  • Verschwenden Sie beim Schreiben keine Gedanken an Schreibstil, Rechtschreibung oder Grammatik – wichtig ist einzig und allein, sich die Gedanken und Gefühle von der Seele zu schreiben.
  • Seien Sie mit Ihren Aufzeichnungen nicht kritisch. Sie müssen nicht immer einen Sinn ergeben – es geht einfach nur darum, Ihre Empfindungen zu Papier zu bringen.
  • Gehen Sie expressives Schreiben langsam an. Vermeiden Sie es, über schwierige oder emotional belastende Themen zu schreiben, wenn Sie dafür noch nicht bereit sind. Sollten Sie auch nur ein leises Unbehagen verspüren, dann verschieben Sie es lieber auf einen anderen Tag.

Expressives Schreiben hat für jeden einen anderen Stellenwert. Jeder hat seine eigenen Ansprüche ans Schreiben. Wichtig ist, sich dabei nicht selbst zu beurteilen. Es kann schon eine große Erleichterung sein, einfach den Stift in die Hand zu nehmen und die Worte aus sich herauszulassen. Es geht nicht darum, einen Literaturpreis zu gewinnen, es muss nur für Sie allein bedeutungsvoll sein.

Wenn Sie am Abend auf den vergangenen Tag zurückblicken und über die Erfolge und Herausforderungen reflektieren, dann haben Sie schon einen kleinen Sieg errungen. Sie sind dabei, sich selbst in einer Übung zu schulen, durch die Sie eine ausgeglichenere Lebenshaltung erreichen und sich somit für die Herausforderungen des täglichen Lebens besser wappnen können.

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